In der Böe läuft man Höhe!

Ein Spruch von vielen die einem seglerische Fähigkeiten näher bringen wollen. Aber was steckt dahinter?

Der Große Brombachsee ist ein Revier mit extremen Böen. Man kann sich nie sicher sein ob der anstehende 2er Wind urplötzlich eine 7er Böe reinschiebt. Ok, das wäre das Extrem, aber es gab das schon.

Unser letzter Ritt auf der Make 25 LINGUINI war geprägt von Wind und einer ordentlichen Portion Böen. Wie segelt man eine Böe oder besser: wie überlebt man eine Killerböe? Das Thema wird aktuell auch gerade im Segeln-Forum diskutiert, hier meine persönliche Meinung ausgehend von unserer Linguini und dem Großen Brombachsee.

Es gibt mehrere echte Varianten wie man Böen begegnet. Immer vorausgesetzt man hat die Möglichkeiten der generellen Anpassung wie Reff und Traveller bereits ausgereizt und befindet sich auf am Wind Kurs.

  1. Wenn es vom Kurs her möglich ist geht man einfach auf einen offeneren Kurs und nimmt der Böe die Aggressivität
  2. Man fiert das Großsegel auf identischem Kurs und lässt die Böe vorbeiziehen.

Beides Varianten die funktionieren aber keinen echten Gewinn im Sinne von VMG (Velocity Made Good), also dem schnellen bzw. schnelleren hart am Wind segeln zu ermöglichen.

Die dritte Variante nutzt die Böe um Höhe zu Gewinnen ohne dabei an Geschwindigkeit zu verlieren. Dazu betrachte ich mal die Physik.

Nimmt der wahre Wind in einer Böe plötzlich zu, kann man beobachten wie der scheinbare Wind raumer wird. Diese Situation kann man nutzen, um härter an den Wind zu gehen, solange die Böe anhält. Man sollte aber rechtzeitig wieder leicht abfallen, wenn der Böe die Puste ausgeht sonst riskiert man in den Wind zu schießen bzw. in dem Fall im Wind zu stehen.

Ich mal mal was…..

Nimmt der Wahre Wind in der Böe zu, wird der Schenkel des scheinbaren Windes länger. Dadurch verändert sich der Winkel des scheinbaren Windes in Richtung Raum.

Nun nutzt man genau diesen vergrößerten Winkel, um näher an den Wind zu gehen oder eigentlich seinen ursprünglichen Windwinkel einzuhalten. Im Ergebnis habe ich mehr Höhe bei gleicher Geschwindigkeit gewonnen (VMG).

Aber wie stellt man das am Besten an? Wie man eine kommende Böe erkennt, ist vielfach beschrieben. Erkenne ich das ich unmittelbar in eine Böe segle, dann kann ich ein wenig abfallen, um die Geschwindigkeit zu erhöhen und dann in die Böe einluven. Sehr anspruchsvoll, wenn man das bei starken Winden kontinuierlich macht und Pinne sowie Großschot Einhand bedient werden. Zumindest sollte man es soweit im Griff haben das sich VMG nicht verringert.

Macht man es zu zweit, dann sollte man sich weitestgehend blind aufeinander verlassen können. Kommandos laut und deutlich sind dennoch notwendig um den Großsegel-Trimm dem Kurs korrekt anzupassen. Ob man die Fock ebenfalls ständig dem Trimm anpasst, ist wohl die Frage, ob man an den Olympischen Spielen oder einer Mittwochsregatta teilnimmt. In einer 3er Crew kann man das aber wunderbar erledigen.

Als Ergänzung eine Zusammenfassung von Udo zur Segeltheorie oder viel besser, zur Segelpraxis am Brombachsee.

Wie macht man das am Brombachsee?

Für die Diskussion gehe ich von einer Windgeschwindigkeit von 7-10 kn (3bft) und in den Böen von einer Windstärke von 13 kn (4 bft) aus.
Linguini ist ein Schiff mit einer hohen Segeltragzahl (5,1) und einer, im Verhältnis zur Länge, relativ großen Breite, vor allem im Bereich des Hecks.
Ein breites Heck neigt dazu sich am Heckwasser festzusaugen. Deshalb ist es wichtig, das Heck zu entlasten und den Gewichtstrimm nach vorne zu verlagern.
(Ausnahme: raumer Kurs unter Gennaker/Code Zero/Spinnaker)

Doch nun zu den Böen:

Bei der hohen Segeltragzahl wird das Schiff beim Einfall der Böe sofort krängen.
Und da beginnt der Trick Nr. 1. Das geübte Seglerauge erkennt die herannahende Böe auf dem Wasser. Man fällt vor dem Eintreffen der Böe ein wenig ab; das Schiff beschleunigt. Nun fällt die Böe ein und der Steuermann beginnt langsam zu luven (=Trick 2) und bringt das Mannschaftsgewicht verstärkt nach Luv (hohe Kante; (Trick 3)).
Die Verlagerung des Mannschaftsgewichts nach Luv führt zu einer höheren Strömungsgeschwindigkeit am Segel und steigert die Bootsgeschwindigkeit. (Pumpeffekt).
Der geübte Steuermann behält in dieser die Windfäden im Auge und reagiert sehr sensibel an der Pinne.

Beim Nachlassen der Böe wird wieder die optimale Schiffskrängung durch Gewichtsverlagerung (nach Lee) hergestellt, Windfäden werden beobachtet, es geht konzentriert weiter…

Wenden

Auch hier gibt es einen schönen Trick, den jeder einmal ausprobieren sollte:
Auf der Kreuz hat nahezu jedes Schiff den Drang von selbst anzuluven. Man muss nur mal die Pinne loslassen; das Boot geht i.d.R. in den Wind.
Möchte man wenden, lässt man die Pinne locker in der Hand und lässt das Boot selbst luven. Die Drehung zum neuen Kurs unterstützt man durch zügiges Ruderlegen und zwar so weit, dass der Verklicker auf dem neuen Kurs anzeigt, dass man wieder den optimalen Schiffswinkel zum scheinbaren Wind erreicht hat.
So gehen Wenden ohne Geschwindigkeitsverlust und ohne Überdrehen des Wendewinkels.
Merke: langsam anluven und schnell abfallen
Man muss verstehen: Schnelles Segeln geht mit Konzentration und viel, viel Gefühl.

2 Kommentare

  1. Segle seid 50 Jahren Starboot. Habe nun auf eine 747 on desing gewechselt. Meine Mannschaft besteht aus 4 Mann 2 x 60 Kg 1 100 Kg 1x 70 Kg. also eine leichte Mannschaft. Frage: Ich bin der Meinung, dass ich vor einer Böe abfahle und in der Böe anluve. Meinung der Mannschaft: Gross fieren um den Druck abzulassen. Dabei verliere ich Höhe und Geschwindigkeit. Was würdest Du endfehlen. Du schreibst von einem Segel – Forum. Könntest Du mir den Link zu diesem Forum senden. Besten Dank und Gruss
    Rolf Mathys

    1. Hallo Rolf! Das ist das Segeln-Forum.de. Ja, kurz abfallen um dann anzuluven und Höhe zu laufen. In den meisten Fällen verliere ich damit zumindest keine Höhe, was ja durchaus ein Gewinn ist. Je nachdem wie früh ich die Böe erahne/erkenne desto höher die Wahrscheinlichkeit doch netto VMG zu machen. Da ich meist Einhand segle ist das nicht gut vergleichbar. Aber je nach Stärke der Böe entweder Gewicht nach Lee verlagern (bei weniger Wind) oder in Luv bleiben, Traveller Stück nach Lee und bei max Böe beim Anluven den Traveller wieder mitnehmen. Gerne deutlich weiter nach Luv als in Ausgangssituation und nicht vergessen auf Kurs zum Wind zu bleiben wenn nach abflauen der Böe der Wind wieder vorlicher wird.
      Bei uns am See sind die Böen aber auch oft extrem. Extrem stark (in Relation), extrem drehend und extrem schnell.
      Ich bin ja aber nur ein Amateur und vielleicht geht das auch wesentlich besser. Mir taugts bisher 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

13 − 5 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Translate »